80 Prozent für Psychotests – oder vor allem eine Wissenslücke beim Waffenrecht?

Die am 4. Oktober 2026 publizierte Tamedia-/20-Minuten-Umfrage liefert ein scheinbar deutliches Resultat: 70 Prozent der Befragten sprechen sich für strengere Regeln bei Zugang zu und Besitz von Feuerwaffen aus. 80 Prozent befürworten ein «psychologisches Attest» für Kauf und Besitz.

Für PROTELL wirft dieses Ergebnis in erster Linie eine entscheidende Frage auf: Wie gut wissen die Befragten überhaupt, welche Schutzmechanismen das Schweizer Waffenrecht bereits heute kennt?

Fakt ist: Wer Anlass zur Annahme gibt, dass er sich selbst oder Dritte mit einer Waffe gefährdet, darf bereits heute keine Waffe erwerben. Besteht ein solcher Hinderungsgrund bei einem Waffenbesitzer, beschlagnahmt die Polizei die Waffen. Auch die ärztliche Schweigepflicht verhindert eine Meldung nicht: Ärzte und andere Berufsgeheimnisträger dürfen Personen den zuständigen Behörden melden, wenn diese eine Gefahr darstellen
Hinzu kommt eine schweizerische Besonderheit: Stellungspflichtige werden im Rahmen der militärischen Rekrutierung medizinisch und psychologisch beurteilt und einer Personensicherheitsprüfung unterzogen.

Gerade vor diesem Hintergrund muss aber auch gefragt werden, was die Umfrage tatsächlich misst. Die beiden Waffenfragen wurden als sachfremde Zusatzfragen in eine Nachbefragung zu den eidgenössischen Abstimmungen eingefügt. Zunächst wurden die Befragten ausdrücklich mit «Todesfällen und Tötungen mit Schusswaffen» sowie dem Amoklauf von Aarau konfrontiert. Unmittelbar danach wurde nach einer Verschärfung des Waffenrechts und anschliessend nach einem psychologischen Attest gefragt. Die bestehenden Möglichkeiten des geltenden Rechts wurden den Befragten dagegen nicht erläutert.

Es bleibt offen, was die 80 Prozent konkret gutgeheissen haben: ein einmaliges Attest beim Waffenkauf? Wiederkehrende psychologische Untersuchungen? Eine periodische Besitzbewilligung für sämtliche heutigen Waffenbesitzer? Wer soll prüfen, nach welchen Kriterien, in welchen Abständen, zu welchen Kosten und mit welchen Rechtsfolgen?

Die detaillierte Auswertung zeigt damit überzeugend, wie breit die Zustimmung zu einer abstrakt formulierten Forderung ist. Sie beantwortet jedoch nicht die entscheidende Frage, ob dieselbe Mehrheit auch einem konkret ausgestalteten Psychotest- oder periodischen Kontrollsystem zustimmen würde – und ebenso wenig, ob den Befragten bewusst war, welche Instrumente das geltende Recht bereits kennt.

PROTELL fordert, die bestehenden Instrumente und deren Vollzug zuerst nüchtern zu prüfen, bevor neue flächendeckende Kontrollen geschaffen und hunderttausende rechtmässige Waffenbesitzer unter Generalverdacht gestellt werden.